Musikalische Weltreise um 1900

Musikalische Weltreise um 1900

21.08.2017

Zum dritten Mal öffnet am 16. September 2017 die «Nacht der Forschung» ihre Pforten. 400 ForscherInnen geben Einblick in ihre Arbeit und stellen sich einer der wohl schwierigsten Aufgaben: Wissenschaft verständlich und unterhaltsam zu präsentieren.

Melanie Strumbl — In diesem Sinne präsentieren die ProjektmitarbeiterInnen des SNF-Projektes The Emergence of 20th-Century «Musical Experience»: The International Exhibition of Music and Theater, Vienna 1892 die Ergebnisse ihrer Recherchen in interaktiver Form im Rahmen der «Nacht der Forschung». Es werden Bilder, Klänge und Filme von Weltausstellungen zu erleben sein, in denen man das dort herrschende Ambiente nachempfinden kann. Den BesucherInnen wird sich die Gelegenheit bieten, Mailand 1881, Paris 1867, 1889 und 1900, Wien 1892, Madrid 1892, Chicago 1893, Bologna 1888 und andere Ausstellungen ästhetisch-musikalisch zu erfahren.

Vom «Sound» der Metropolen

In den Weltausstellungen wurde suggeriert, man könne «die ganze Welt an einem Ort» besuchen, tatsächlich entsprach aber das angebotene Weltbild den sozio-ökonomischen Bedürfnissen der Veranstaltenden. Gleichzeitig strahlte die Weltausstellung auf die jeweiligen Städte aus, indem Infrastrukturen und bestimmte Vorstellungen der Stadt entstanden, die nachhaltig das Marketing der Metropolen prägten wie etwa die Idee von Chicago als industrielle Kulturmetropole oder von Wien als Stadt der Musik. So veränderten die Ausstellungen die Städte, in denen sie veranstaltet wurden, nachhaltig.

Innovation, Exotismus und Globalisierung

Das gemeinsame Ziel des an der Universität Bern angesiedelten Projekts ist die Erforschung der Rolle von internationalen Ausstellungen bei der Standardisierung und Globalisierung jener musikalischen Praktiken, die ab der Jahrhundertwende als «westliche bzw. klassische Musik» deklariert worden sind. Die Musik spielte immer eine grosse Rolle, in Wien 1892 war sie sogar das Hauptthema. Eine musikhistorische Ausstellung inszenierte hier zum ersten Mal überhaupt die Musik als historisches Objekt. Konzerte und Performances präsentierten neue Werke oder rekonstruierten historische Musik. Damit boten Ausstellungen eine Bühne für die Pioniere der Wiederbelebung von alter Musik. Die technischen Errungenschaften von Erfindern betrafen auch musikalische Objekte: Neue Patente zu bekannten Instrumenten und auch extravagante Instrumente wie das Pyrophon wurden dem Publikum vorgestellt. Aber auch die Musik fremder Kulturen erwies sich als Publikumsmagnet. Die Gamelanorchester aus der Weltausstellung in Paris faszinierten beispielsweise die Komponisten des Impressionismus. Schliesslich wurden Innovationen wie immer ausgefeiltere Musikdosen, der Melograph – ein Gerät zum Aufzeichnen von Musik – sowie das Grammophon in den Weltausstellungen bestaunt und veränderten den Musikgenuss grundlegend.

Das Projekt-Team

Die Forschungsergebnisse, die im Rahmen der «Nacht der Forschung» präsentiert werden, sind die bisherigen Früchte der einzelnen MitarbeiterInnen des SNF-Projekts The Emergence of 20th-Century ‹Musical Experience›.

Melanie Strumbl konzentriert sich auf die Ausstellungspraxis von musikalischen Objekten und Komponisten in der Internationalen Musik- und Theaterwesenausstellung in Wien 1892. Sie bezieht sich dabei auf den Begriff von Raum und Atmosphäre und nutzt methodische Ansätze aus den Affect Studies sowie der Museumsforschung. Das Ziel ist die Erforschung von Katalogen und journalistischen Medien und die Analyse der Ausstellungspraktiken, welche Musikhistoriographie und die Gestaltung von kulturellem Gedächtnis nachhaltig beeinflussten. Alberto Napoli untersucht die Schnittpunkte zwischen Musikkultur und grossangelegten Ausstellungen im Italien des fin-de-siècle. Die Betrachtung der Vielzahl an Ausstellungen, die auf der Apenninen-Halbinsel zu dieser Zeit stattfanden, zeigt, dass einerseits Musik gezielt für politische Zwecke eingesetzt wurde, dass aber andererseits die grossen Ausstellungen auch eine spürbare Auswirkung auf das Musikleben der Städte und auf die Debatten zur Musik ausübten.

María Cáceres vergleicht in ihrer Arbeit drei Ereignisse aus den Jahren 1892 und 1893: Die Internationale Musik- und Theaterwesenausstellung in Wien, die Exposición Histórico-Americana in Madrid und die World’s Columbian Exposition in Chicago. Auf der Grundlage der Netzwerkanalyse beabsichtigt die Arbeit, (1) die Wurzeln von den auf Unterhaltung und Tourismus basierten Musikindustrien zu erforschen, (2) das Aufkommen des Begriffes «Western music» als kanonisiertes globales Markenzeichen aufzudecken und (3) die Rolle des Internationalismus bei der Gestaltung von akademischen Narrativen und Diskursen zu evaluieren.

 

> vienna1892.unibe.ch

7. bis 9. September

Bern, Hallerstr. 6 (Hörsaal 205): «Branding Western Music» Tagung

26. September, 18.30 Uhr

Bern, Institut für Musikwissenschaft, Hallerstr. 5: «Musikjournalismus: Quo vadis?» Bjørn Schaeffner (Zürich) und Cécile Olshausen (Basel)

10. Oktober, 18.30 Uhr

Bern, Institut für Musikwissenschaft, Hallerstr. 5: «Musique, piété et dévotion à Naples à l‘époque baroque» Angela Fiore

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