FMB 2018: Zielgruppe Alter

Niklaus Rüegg, 04.09.2017

Die Wirtschaft hat den Altersmarkt längst entdeckt. Es gibt gute Gründe, weshalb auch Bildungsanbieter sich mit dieser interessanten Zielgruppe auseinandersetzen sollten.

Unter dem Titel «Veränderung: Chance oder Gefahr? Der Einfluss von Megatrends auf die musikalische Bildung» beleuchtet das FMB am 19. und 20. Januar 2018 die Auswirkungen aktueller gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen wie Migration, demografische Veränderungen und Digitalisierung auf die musikalische Bildung und zeigt mögliche Antworten auf. Im Vorfeld stellt der VMS die renommierten Referenten vor. Die Serie beginnt mit Jonathan Bennett und Ueli Mäder.

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«Ältere Menschen gehen beim Lernen oft analytisch vor»

Niklaus Rüegg – Seit Jahren bietet die Berner Fachhochschule ein breites und erfolgreiches Weiterbildungsangebot zu gerontologischen Themen an. Jonathan Bennett studierte Psychologie an der Universität Zürich. Seit 2009 arbeitet er an der Berner Fachhochschule, zunächst im Fachbereich Soziale Arbeit und seit 2012 als Dozent am Institut Alter, an dem er als Studienleiter des MAS Gerontologie "Lebensgestaltung 50+" wirkte. Prof. Dr. Bennett ist seit 2016 Leiter des Instituts Alter an der Berner Fachhochschule. Er wird am Forum Musikalische Bildung FMB im Januar 2018 über den Themenkreis «Demografische Veränderungen – Chancen und Herausforderungen, neue Zielgruppen, neue Ressourcen» referieren.

Herr Bennett, warum beschäftigt sich die Wissenschaft vermehrt mit dem Lernen im Alter?
Dies hat mit dem demographischen Wandel zu tun: Ältere Menschen machen einen zunehmenden Anteil unserer Bevölkerung aus und engagieren sich aktiv in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen und damit auch als Teilnehmer an Bildungsangeboten. Hinzu kommt erfreulicherweise, dass viele Menschen heute nach dem Austritt aus dem Erwerbsleben noch zahlreiche gesunde Lebensjahre vor sich haben – diese wollen sie mit sinnvollen Aktivitäten ausfüllen, dazu gehören auch Bildung und Lernen in vielfältiger Weise. Unser Gehirn ist zudem auch in hohem Alter noch zu beachtlichen Lernleistungen in der Lage. All dies weckt natürlich das Interesse der Forschung. Bezeichnungen wie «Best Agers», «Silver Market» etc. zeigen, dass die Wirtschaft die Zielgruppe der älteren Menschen stark umwirbt. Es gibt keinen Grund, weshalb nicht auch Bildungsanbieter diese interessante Zielgruppe aktiv ansprechen sollten.

Welche jüngeren wissenschaftlichen Erkenntnisse in der gerontologischen Forschung geben dem Lernen im Alter Schub?
Als Gegenentwurf zu einem stark defizitorientierten Altersbild wurde das Schlagwort des erfolgreichen Alterns geprägt. Die gerontologische Forschung hat sich intensiv mit den Potenzialen des Alters und Alterns beschäftigt und die entsprechenden Forschungsergebnisse zeigen eindrücklich, welchen Gestaltungsspielraum es auch im höheren und hohen Alter gibt. Natürlich interessiert sich die Gerontologie auch für die Befunde aus der Hirnforschung, die aufzeigen, dass unser Gehirn das Lernen auch in hohem Alter ermöglicht.

Wodurch unterscheidet sich das Lernen im Alter gegenüber dem Lernen in der Jugend?
Ein zentraler Unterschied ist das grosse Vorwissen, das ein älterer Mensch mitbringt. Aufgrund dessen haben ältere Personen häufiger als junge Menschen den Wunsch, neue Inhalte mit bestehendem Wissen zu verknüpfen. Sie versuchen, diese Inhalte einzuordnen, gehen somit also beim Lernen oft analytisch vor. Jüngere Menschen und insbesondere Kinder sind in ihrem Lernverhalten intuitiver.

Welche Motivation bringt den älteren Menschen dazu, ein Instrument neu zu lernen bzw. wieder hervor zu nehmen?
Die Motive sind ausgesprochen vielfältig, so wie auch die Menschen vielfältig sind. Beim Lernen eines neuen Instruments spielt aber oft die Wunscherfüllung eine wichtige Rolle – man gönnt sich also etwas, das früher aus zeitlichen oder vielleicht auch finanziellen Gründen nicht möglich war. Oft spielt die Faszination für die klangliche aber auch visuelle Ästhetik eines Instruments eine Rolle. Nicht wenige Menschen haben auch den Wunsch, in einem Ensemble musizieren zu können – gerade dieser soziale Aspekt motiviert dann auch zum Üben. Bei der Wiederaufnahme eines früher erlernten Instruments ist es etwas anders: Der Unterbruch ist oft aufgrund anderer zeitlicher Engagements erfolgt – z. B. Familienaufgaben oder berufliche Verpflichtungen. Treten diese in den Hintergrund, kommt das Instrument wieder zum Vorschein. Es geht also auch um ein Anknüpfen an früher gemachte Erfahrungen, gewissermassen um das Weiterarbeiten an einem begonnenen Bild.

Welche Chancen bietet der Musikunterricht älteren Menschen?
Es ist gut belegt, dass insbesondere die Auseinandersetzung mit einem Instrument einen kognitiven Trainingseffekt hat, also auch zur geistigen «Fitness» beiträgt. Genauso wichtig sind aber die kreativen, gestalterischen und je nachdem auch sozialen Erfahrungen, die man bei der musikalischen Betätigung machen kann. Diese werden von älteren Menschen klar benannt und aktiv angestrebt.

Welche pädagogisch-didaktischen Fähigkeiten muss ein Musiklehrer im Erwachsenen- und 50+-Unterricht mitbringen?
Musiklehrer müssen bereit sein, sich mit dem musikalischen aber auch nicht-musikalischen Vorwissen des Schülers auseinanderzusetzen. Zudem sagen ältere Schüler oft sehr klar, was sie wollen oder nicht wollen. Da müssen Lehrpersonen gelegentlich auch Abstriche von ihren eigentlichen didaktischen Idealen machen. Zudem gibt es je nach Voraussetzungen der älteren Schülerinnen und Schüler neben den Möglichkeiten auch klare Grenzen – diese können zum z.B. mit der Feinmotorik zu tun haben. Es braucht eine gewisse Sensibilität und Sozialkompetenz, um auch die Grenzen mit den Schülerinnen und Schülern thematisieren zu können, ohne sie dadurch zu entmutigen.

Wie kommt die Musiklehrperson/die Musikschule an diese Zielgruppen heran?
Nach unserer Erfahrung muss man hier differenzieren. Personen mit einem eher hohen Bildungsgrad melden sich in der Regel von sich aus. Sie kennen die Musikschulen, können sich etwas darunter vorstellen. Hier geht es eher darum, dass Musikschulen, passende Angebote bereithalten. Eine grosse Herausforderung ist aber das Erreichen von Personen, die eher bildungsfern sind und vielleicht auch gar nicht wissen, welche Möglichkeiten sich ihnen bieten könnten. Auch sie würden vom Musikunterricht sehr profitieren. Diese Personen zu erreichen, ist deutlich schwieriger.

 

 

Zwei CAS an der HKB und der FH Bern zum Thema «Musik und Alter»:
CAS Musikalisches Lernen über alle Lebensalter (HKB): 
CAS Musikbasierte Altersarbeit (BFH, Institut Alter):
 

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